Frank David
Daniel Boos

Emoticons :-)

Arbeit zum Linguistischen Propädeutikum
bei Prof. Dr. T. Schelbert
Sommersemester 1996

Inhaltsverzeichnis
  1. Was sind Emoticons?
  2. Wo werden Emoticons benützt?
  3. Entstehung der Emoticons
  4. Klassifikation von Smileys
  5. Auswirkungen der Benützung von Emoticons
  6. Quellenverzeichnis

    1. Was sind Emoticons?
    Mit Hilfe der Sonderzeichen auf der Tastatur eines Computers lassen sich die Emoticons (auch Smileys genannt) aufbauen und stellen erst etwas dar, wenn man sie 90° nach rechts gedreht betrachtet.

    Sie dienen als Ersatz für Gestik oder Mimik in der textorientierten Computerkommunikation, wo sich Gefhle schwer darstellen lassen (Emoticon = Emotional Icon). Doch nicht nur die Mitteilung von Gefühlen ist wichtig, sondern auch der zusätzliche Informationsgehalt, den ein Smiley beinhalten kann. Ein Satz kann sehr unterschiedlich ausgelegt werden, wenn unterschiedliche Smileys benützt wurden. Wenn z. B. am Ende eines Fluchwortes ein fröhliches Smiley angehängt wurde, war diese Bemerkung ironisch gemeint; im Falle eines traurigen Smileys war es eine sehr ernste Meinung (Beispiel:"Du Blödmann :-)" = ironisch; "Du Blödmann :-(" = ernst gemeint). Lenk teilt die Smileys in zwei Kategorien (echte und humoristische Emoticons) ein; die humoristischen Smileys haben nur den Scherz zum Zweck, die echten drücken Gefühle aus oder verändern die Bedeutung eines Satzes.

    Der Vollständigkeit halber werden noch andere kommunikationstypische Erscheinungen erwähnt. Als erstes seien hier die Abkürzungen genannt, die aber doch in den meisten Fällen ein Insiderwissen voraussetzen und oft auch einen humoristischen Anstrich besitzen. Das nächste Phänomen stellt die sogenannte ASCII-Art dar (ASCII = American Standard Code for Information Interchange; internationale Norm, die alle auf Computern darstellbaren Zeichen festlegt). Hier haben sich die Benützer einen Spass daraus gemacht, mit den Zeichen, die auf jeder Tastatur vorhanden sind, Bilder zu konstruieren. Je komplexer ein Bild ist, desto grösser ist die Bewunderung der Netzwelt für den Künstler; deshalb werden diese Zeichnungen gerne Nachrichten angehängt, die für ein grosses Publikum bestimmt sind (z.B. die News im Internet).

    Ein weiterer Grund für Emoticons und Abkürzungen soll nicht unerwähnt bleiben. Computernetze sind schnelle Medien und beeinflussen damit das Verhalten der User; er möchte diesen Geschwindigkeitsvorteil in jedem Fall nutzen und nicht zu viel Zeit mit Tippen verbringen.

    2. Wo werden Emoticons benützt?
    Damit der Einsatzbereich der Emoticons klar abgegrenzt werden kann, müssen zuerst die einzelnen Bereiche der Computerkommunikation kurz erläutert werden. Die technisch-physikalischen Aspekte sollen hier nicht im Vordergrund stehen, sondern die Art der Kommunikation unter den Benützern. Es gibt verschiedene Möglichkeiten um Computer miteinander kommunizieren lassen; sei es über ein LAN (Local Area Network, z.B. ein lokales Netz einer Unternehmung)oder über eine Mailbox (z. B. ein zentraler Rechner, der von anderen durch das Telefonnetz erreicht werden kann).

    In dieser Arbeit möchten wir uns auf das Internet beschränken, weil es das weltweit grösste Netz darstellt (Die Anzahl der Benützer wird auf 20 bis 40 Mio. geschätzt). Die für die Verwendung von Emoticons interessantesten Internet-Dienstleistungen sind:

    Eine abstraktere Art von Klassifikation der Kommunikation ist in diesem Fall noch nützlicher und sieht wie folgt aus:

    Personen

    Zeit

    synchron

    asynchron

    bilateral

    Chat

    Mail

    multilateral

    Multi-User Chat

    News

    Diese ist insofern brauchbar, da damit der Einsatzbereich der Emoticons klarer abgegrenzt werden kann. Die Smileys werden hauptsächlich in den synchronen Medien verwendet, da diese der face-to-face Kommunikation sehr nahe kommen. Je weniger in einem Medium direkte Feedbacks stattfinden, umso weniger werden die Emoticons eingesetzt. Die News, in denen auch die Smileys vorkommen, sind zwar nicht synchron, werden aber von sehr vielen Leuten gelesen und haben daher ein wesentlich höheres Feedback als z. B. E-Mail, das dem "normalen" geschriebenen Brief sehr nahe kommt.

    3. Enstehung der Emoticons
    Die Emoticons wurden von den Benutzern etwa vor 15 Jahren erfunden; niemand gilt als eigentlicher Erfinder der Emoticons, denn sie erschienen plötzlich in der Netzwelt. Es gibt zwar Hinweise auf eine Entstehungsgeschichte, doch diese lassen sich schwer überprüfen. Eine dieser Geschichten findet man bei Reid: „It appears that the emoticon was invented by one Scott Fahlman on the CMU board-systems around 1980. He later wrote: ‘I wish I had saved the original post, or at least recorded the date for posterity but I had no idea that I was starting something that would soon pollute all the world’s communication channels.’ “ (Reid (1991) S.25) Von einer mystischen Entstehung der Emoticons wissen wiederum die sogenannten „urban legends“ zu erzählen. Wir stiessen auf eine Geschichte, die aus einer wilden Mixtur von Spionage, militärischen Geheimnissen und Science Fiction besteht (An Historical Note, Godin (1995) S.69 -72).

    Das erste Smiley stammte aus der Comicwelt, es ist nichts anderes als ein extrem vereinfachter und stilisierter Comic. Ein gezeichneter Kreis, zwei Punkte und ein Strich sind die Elemente eines Smileys (siehe Abbildung unten). Unser Gehirn erkennt ohne Probleme darin ein Gesicht und diesen Erkennungsprozess kann man als Induktion bezeichnen. Scott McCloud geht sogar davon aus, dass wir nicht anders können, als darin ein Gesicht zu sehen, denn unser Gehirn erweckt zwingend das Smiley zum Leben. Oder wie Scott McCloud sagt: „Dieses Ding hat nur so viel Leben wie du ihm einhauchst.“ (Scott McCloud (1995) S.67) Computerbenützer haben sich wohl von diesem Smiley inspirieren lassen und versucht, diese mit Hilfe des Zeichensatzes der Tastatur nachzubilden. Der Kreis, der das Gesicht umfasst, entfällt jedoch, trotzdem erkennen wir das Gesicht problemlos.

    Ursprungs-Smiley
    4. Klassifikation von Smileys
    Die Emoticons können in verschiedene Gruppen eingeteilt werden. Als Klassifikation betrachteten wir den Verwendungszweck der Smileys, wo und für was sie am meisten benutzt werden. Als Orientierungshilfe benutzten wir dazu die Aufteilung von „The Smiley Dictionary“ von Seth Godin, wobei wir diese Einteilung noch erweitert haben. Zum Erkennen der Smileys kann man sagen, dass immer versucht wird ein gewisses Merkmal überspitzt darzustellen. Zu erwähnen gilt jedoch, dass jedes Smiley auch anders gedeutet werden kann. Es gibt keine zentrale Organisationsstelle, die die Bedeutung eines Smileys festlegt. Jeder Benutzer erfindet seine eigenen Smileys und ordnet ihnen eine spezifische Bedeutung zu. Es kommt oft vor, dass zum Beispiel genau gleiche Smileys sehr verschiedene Bedeutungen haben. Auf der Suche nach Smileys entdeckten wir viele solche Fälle; sie treten am häufigsten bei den Celebrity Smileys auf. Manche Smileys werden auch als Insiderwissen gebraucht. Man einigt sich als Erkennungszeichen auf einige Smileys, die dann von nicht eingeweihten Personen nicht sofort erkannt werden können.

    4.1 Classic Smileys
    Die klassischen Smileys waren die ersten Smileys. Sie sind für jeden ziemlich einfach verständlich. Ihr Zweck ist es vor allem Gefühlszustände auszudrücken oder zu zeigen wie ein bestimmter Satz gemeint ist. Diese Smileys werden auch am meisten benutzt und man kann fast von einem Grundwissen aller Benützer ausgehen.

    Einige Beispiele:
    :-)     Basis-Smiley. Fröhlicher Smiley. Dieses Smiley wird benutzt um eine
            scherzhafte Bemerkung zu kennzeichnen.
    ;-)     Zwinkerndes Smiley. Der User hat gerade eine kokette und/oder sarkastische
            Bemerkung gemacht.
    :-(     ärgerliches oder trauriges Smiley. Dem User gefiel die letzte Bemerkung
            nicht oder ihn ärgert oder betrübt irgend etwas.
    :-I     Gleichgültiges Smiley. Besser als ein ärgerliches Smiley aber  nicht ganz so
            gut wie ein fröhliches Smiley.
    :->     Zynisches Smiley. Der User hat gerade eine sehr bösartige Bemerkung gemacht.
    (-:	Das Smiley eines Linkshänder.
    :-@	Schreiendes Smiley.
    :-)))	Sehr glückliches Smiley
    :-(((	Sehr unglückliches Smiley
    :-X	Smiley gibt einen Kuss. Andere interpretieren dieses Smiley jedoch als 
            verschwiegener Benutzer, was ja nicht ganz dasselbe ist.
    
    4.2 Character Smileys
    Mit Character Smileys will man dem anderen User zeigen, wer man ist oder was man gerade tut. Auch benützt man diese Smileys oft um dem anderen zu zeigen was man von ihm hält. Diese Smileys werden schon nicht mehr von allen erkannt und können sehr kulturspezifisch sein.
    Einige Beispiele:
    %-)	Smiley, dass gerade 15 Stunden den Bildschirm angestarrt hat
    	(Kann auch bedeuten: User liebt Picasso)
    8:-)	Smiley eines kleinen Mädchen
    :-)8<	Smiley eines grossen Mädchens
    :-?	Smiley raucht gerade eine Pfeife.
    :-Q	Smiley raucht
    :-TM 	Smiley eines Anwalt (TM = Trade Mark, Anspielung auf Urheberrechtsverletzung)
    :^)	Smiley mit Persönlichkeit (grosse Nase als Zeichen für Persönlichkeit)
    :-6	Smiley hat soeben etwas sehr Scharfes gegessen
    
    4.3 Celebrity Smileys
    Diese Smileys stellen eine Persönlichkeit dar (berühmter Politiker, Sportler etc.) Gewisse Merkmale der Person werden besonders hervorgehoben, wie zum Beispiel Abraham Lincolns Bart und Hut. Diese Smileys sind vor allem kulturspezifisch und werden nicht von allen gleich interpretiert.
    Einige Beispiele:
    =):-)=	Abraham Lincoln
    =):-)	Uncle Sam
    +0<:-)	Der Papst
    7:^]	Ronald Reagen, manchmal auch als ,:-)
    8-)	Stevie Wonder, ein blinder Sänger der immer eine Sonnenbrille trägt. Manche deuten
            dieses Zeichen jedoch simpel als Brillenträger.
    @#$!	Howard Stern, berühmter amerikanischer Gesprächsleiter (oder neuhochdeutsch „host“)
            eines Talk-Radios, der dafür bekannt ist, dass er seine Gäste besonders gerne 
            beschimpft. Solche Sonderzeichen werden oft benützt, wenn jemand andeuten möchte,
            dass er flucht (wird auch von Comiczeichnern gebraucht). Nicht von ungefähr sind es
            hier in diesem Fall genau vier Zeichen, da das englische Wort „fuck“ vier Buchstaben 
            hat.
    c¦:-=)	Charlie Chaplin, bekannt für seine Melone.
    :<)	Ein Ivy League School Absolvent. Ivy League ist ein Sammelbegriff für die elitären 
            Universitäten wie Harvard oder Yale. Die hochgezogene Nase soll Arroganz andeuten.
    *<:O)	Bozo the Clown
    L:-) 	Benützer hat gerade seinen Doktortitel (Doktorhut) erhalten
    
    4.4. Ergänzung: Beispiele für ASCII-Art und Abkürzungen
                                           (__)
                                           (00)
                              /-------------\/
                             / ¦          ¦ ¦
                             * ¦ ¦--------¦ ¦
                               ¦ ¦        ¦ ¦
                                     Kuh
                                      ___
                     ___. . . . -----'---`-----. . . . ___
                     =====================================
                         ___  `---..._______...---`  ___
                        (___)        _|_|_|_        (___)
                            \\____.-'_.---._`-.____//
                               ~~~~`._`---' _.'~~~~
                                      `~~~'
                                    STAR TREK (C)
    <g>	grin.	Der Schreiber möchte damit ausdrücken, dass er über den Kommentar grinst.
    <i>	irony	Für ironisch gemeinte Anmerkungen.
    <>	Kein Kommentar
    ...	Bin in einer Sekunde wieder da.
    ROTFL  Rolling on the floor laughing. Der Schreiber wälzt sich vor Lachen auf dem Boden. 	
    CU	See you. Bis später.
    4get it	Forget it. Vergiss es. (Die Zahl Vier wird englisch ausgesprochen)
    L8R	Later. Später.
    
    5. Auswirkungen der Benützung von Emoticons
    Ob Emoticons einmal aus ihrem Geburtsmedium heraustreten werden, kann nur vermutet werden. Manche benützen geradezu euphorisch die Möglichkeiten von Emoticons; sie können ohne Emoticons fast nicht mehr schriftlich kommunizieren. So erhielt Martina Lenk auf eine Netzumfrage von Nutzer P. Heinlein die folgende Antwort: „Mir ist aufgefallen, daß ich die Smileys vermisse. Wenn ich Briefe schreibe an andere Leute (als *richtige* Briefe, die gibt's noch!) dann habe ich immer smileys mit reingeschrieben um meine Stimmug/Kommentar dazu abzugeben. -Und im nächsten Brief mußte ich erstmal erklären, was ich damit meinte :-) Mittlerweile möchte ich sie nicht missen und male sie in Briefen senkrecht mit Kreis drumrum, so daß es jeder erkennt...“ (Lenk (1995) S.8)

    Kritische Stimmen bleiben selbstverständlich nicht aus. Als Beispiel sei hier Paul Andrews von der Seattle Times genannt, der allerdings manchmal zu polemisch gegen die Smileys argumentiert, was angesichts der Tatsache, dass er Kolumnist bei dieser Zeitung ist, nicht erstaunt. Wir zitieren Paul Andrews auszugsweise: „Here are just a few reasons why they should be banned:

    Good writing needs smileys like the Mona Lisa needed lipstick and eye shadow.“ (Andrews (1994))

    6. Quellenverzeichnis
    Andrews, Paul: User Friendly - Put on a happy face, but not in my email, , Seattle Times 1994

    Godin, Seth: The Smiley Dictionary, Peachpit Press, Berkeley 1993

    Herz, J.C.: Surfen auf dem Internet, Rowohlt, Hamburg 1996

    Lenk, Martina: Freizeitnetzwerke - ihr Beitrag zur Entwicklung von Netzkommunikation, , ESEL, Essen 1994

    McCloud, Scott: Comics richtig lesen, Carlsen Studio, Hamburg 1995

    Piening, Raimund: Ein neues Medium in seinem Verhältnis zum herkömmlichen Brief, , ESEL, Essen 1995

    Reid, E.M.: Electropolis. Communication and Community on the Internet Relay Chat, Melbourne 1991

    Wetzstein, Th. A u.a.: Datenreisende - Die Kultur der Computernetze, Westdeutscher Verlag, Opladen 1995



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